Eine einsame Spur
Die Schrammacher Nordwand. Noch unberührt in dieser Saison. Keine Spur weit und breit. Nur eine gewaltige, weiß angezuckerte Wand, die uns sofort in ihren Bann zieht.
Doch zuerst zurück zum Anfang.
Als Chris und ich am 23. April ins Valsertal aufbrechen, wissen wir eigentlich nicht besonders viel. Wir wissen nicht, wie viel Schnee noch in der Wand liegt. Wir wissen nicht, ob überhaupt genügend Eis vorhanden ist. Und wir wissen schon gar nicht, ob wir am nächsten Tag eine realistische Chance haben werden, durch diese gewaltige Nordwand zu klettern.
Aber genau das mögen wir.
Chris und ich haben in den Bergen eine ziemlich ähnliche Einstellung. Wir schauen uns die Verhältnisse am liebsten selbst vor Ort an. Das macht vieles einfacher. Klar passiert es dann auch mal, dass vor der Wand umgedreht werden muss. Das gehört für uns aber voll und ganz dazu. Jeder Tag draußen ist ein wertvoller Tag.
Das klappt wahrscheinlich auch deshalb so gut bei uns, weil Chris nicht nur ein extrem starker Kletterer ist, sondern auch ein richtig guter Freund.
Beim Zustieg zum Winterraum der Geraer Hütte fällt unser Blick immer wieder hinüber zur Nordwand. Uns wird sofort klar, dass noch keine Spur in der Wand ist, keine einzige.

Die gesamte Wand liegt unberührt vor uns.
Viele würden das vermutlich eher als Nachteil sehen. Die Route verlangt ohnehin viel Gespür für die richtige Wegfindung. Dazu kommt das Spuren durch frischen Schnee, das Kraft und Zeit kostet.
Für uns fühlt sich dieser Anblick jedoch wie ein Geschenk an.
Alleine schon die Vorstellung, möglicherweise als erste Seilschaft des Jahres durch diese gewaltige Wand zu steigen, löst sofort Vorfreude bei uns aus.
Während wir im Winterraum die letzten Vorbereitungen treffen, beginnt die Abendsonne die Wand in ein tiefes Orange zu tauchen. Es ist einer dieser Abende, an denen man automatisch ruhiger wird.

Ich hole meine Maultrommel hervor und spiele ein paar Töne in den Sonnenuntergang.
Keine Minute später beginnt Chris zu lächeln, greift in seine Hosentasche und zieht ebenfalls eine Maultrommel hervor.
Wir schauen uns beide überrascht an.
Keiner von uns wusste, dass der andere so ein Ding besitzt.

Also sitzen wir dort, vor dieser riesigen Nordwand, und spielen gemeinsam ein paar Stücke. Wahrscheinlich würde kein Musiker dieser Welt unsere Darbietung als Meisterwerk bezeichnen - aber in diesem Moment könnte es nicht besser passen.
Später treten wir noch einmal hinaus und betrachten die Wand im Mondlicht.
Morgen wollen wir unsere Spuren dort hinaufziehen.
Natürlich spüren wir beide eine gewisse Anspannung. Die Verantwortung ist groß. Die Wand ist lang und erlaubt keinen Rückzug, sobald man anfängt zu klettern. Doch genau darüber sprechen wir offen. Das gehört für uns dazu.
Es ist eine kalte, klare Nacht. Hoffentlich friert die Schneedecke gut durch.
Beep. Beep. Beep.
Keine dreieinhalb Stunden später reißt uns der Wecker aus dem Schlaf.
Es geht los.
Nach einem schnellen Frühstück mit Vorarlberger Bergkäse und Monikas legendären „Kämmewurzen“ stehen wir um Punkt fünf Uhr morgens vor der Hütte.
Die Schneedecke trägt hervorragend und wir kommen schnell voran. Seilfrei klettern wir bis zum Einstieg der ersten schwereren Seillänge.
Chris übernimmt die erste Länge.
Der Wind pfeift durch die Wand, die Temperaturen sind eisig. Immer wieder werden wir von Spindrift überrascht - feine Schneelawinen aus lockerem Pulver, die uns von oben entgegenrauschen.
Trotzdem kommen wir gut voran.

Die zweite Seillänge hat für uns und vor allem für Chris eine besondere Bedeutung.
Ein Jahr zuvor war er bereits hier unterwegs. Damals brach ihm bei einem Pickelschlag ein großer Eispilz aus und traf ihn direkt. Der folgende Sturz endete glücklicherweise glimpflich, und er und sein Kamerad konnten noch selbstständig einen Rückzieher machen. Dennoch verbrachte Chris die nächsten Wochen mit einem Gips in Innsbruck.
Heute ist davon nichts mehr zu spüren.
Wir finden unseren Rhythmus und kommen in einen richtigen Flow. Anspruchsvolle Mixed-Kletterei wechselt sich mit traumhaften, extrem ausgesetzten Quergängen ab. Immer wieder führt die Route durch beeindruckendes Gelände, das volle Konzentration verlangt.
Da aufgrund des vielen Neuschnees kaum vorhandenes Sicherungsmaterial sichtbar ist, müssen wir praktisch alle Sicherungen und Standplätze kreativ aufbauen und oft alpine Improvisation an den Tag legen.

Dann erreichen wir die Schlüsselstelle.
Eigentlich haben wir vier kurze Eisschrauben genau für diese Passage dabei.
Doch dort, wo Eis sein sollte, wartet nur eine nahezu blanke Felsplatte mit einer hauchdünnen Eisglasur.
Alle Berichte, die wir kennen, sprechen davon, diese Länge hauptsächlich mit Eisschrauben abzusichern.
Wir stehen also mitten in einer gewaltigen Nordwand vor einer völlig anderen Situation.
Umkehren ist keine Option.
Ich baue einen soliden Stand, erkläre Chris meinen Plan und steige ein.
Vorsichtig kratze ich mit den Eisgeräten über die dünne Eisglasur. Zentimeter für Zentimeter arbeite ich mich nach oben. Die Steigeisen finden gerade genug Halt. Nach einigen nervenaufreibenden Metern gelingt ein kleiner Hook, und endlich erreiche ich die erste Sicherungsmöglichkeit.

Der Friend sitzt. Ein tiefer Atemzug.
Weiter.
Immer wieder stehe ich mit beiden Steigeisen direkt auf blankem Fels. Funken sprühen, wenn ich leicht wegrutsche. In einem längeren Quergang nach rechts finde ich in seichten Rissen Platz für einige Mikrokeile, bis ich die Schwierigkeiten in dieser Länge endlich hinter mir lasse und in freundlicherem Gelände eine Möglichkeit für einen Stand finde.
Als ich den Stand erreiche, kann ich nicht anders.
„Wuhuuu! Chris, du kannst nachkommen!“

Die Freude ist riesig.
Am Stand angekommen, schaut mich Chris an und sagt:
„Finki, das war eine der beeindruckendsten Kletterleistungen, die ich jemals live gesehen habe.“
Und wenn Chris so etwas sagt, dann bedeutet mir das wirklich viel.
Die schwierigsten Meter liegen hinter uns.
Vor uns warten noch ausgesetzte Querungen und das steile Abschlussschneefeld.

Immer wieder kämpfen wir uns durch enorme Schneemengen. Doch jetzt ist der Grat zum Greifen nah.
Um 16:45 Uhr toppen wir aus der Wand aus und können unser Glück kaum fassen. Was für ein Privileg, in eine solche Wand eine so wunderschöne Linie zu zeichnen.

Ein Moment, den man kaum beschreiben kann.
Doch so groß die Freude auch ist, müssen wir uns eingestehen, dass wir erst die Hälfte der Tour geschafft haben, denn der Schrammacher wäre nicht der Schrammacher ohne seinen berüchtigten Abstieg.

Der lange Grat fordert noch einmal volle Konzentration. Schwierige Kletterpassagen, Abseilstellen und ständige Wegfindung kosten viel Zeit und Energie. Zwar verlaufen wir uns nie entscheidend, doch die Alpeiner Scharte scheint einfach nicht näherzukommen.
Erst um 22:50 Uhr erreichen wir die Alpeiner Scharte schließlich.
Was für eine Erleichterung.

Von dort geht es rasch zurück zum Biwak. Müde, erschöpft und glücklich stärken wir uns ein letztes Mal, bevor wir den letzten Abstieg hinter uns bringen.
Total müde oder, wie Gerry sagen würde, mit einem „Öüglar“, sitzen wir um 01:50 Uhr überglücklich im Auto.
Stille.
Wir lassen den Tag Revue passieren.
Die erste Spur des Jahres durch die Schrammacher Nordwand. Eine gewaltige Tour. Ein langer Tag. Und vor allem ein besonderes Erlebnis mit einem wahnsinnig guten Freund.
Danke, Chris.
