GLEITSCHIRMFLIEGEN IM WINTER

GLEITSCHIRMFLIEGEN IM WINTER

Gleitschirm fliegen im Winter, geht das?

Ich bin Sepp Inniger, 26 Jahre, wohne in Kandersteg in der Schweiz und bin Gleitschirm Testpilot und Blackyak Athlet.

Ich werde oft gefragt, wie ich meinen Beruf als Testpilot im Winter denn ausüben könne, da Gleitschirmfliegen zu dieser Jahreszeit doch gar nicht möglich sei. In diesem Blogeintrag möchte ich diesen Mythos widerlegen und genauer auf dieses Thema eingehen.

Wie alles begann:

Das Berner Oberland, in dem ich aufgewachsen bin, ist bekannt fürs Gleitschirmfliegen. In unserem Tal leben einige, die sich zu den Weltbesten Gleitschirmpiloten zählen dürfen. Nicht zuletzt durch sie bin ich zu diesem Sport gekommen. Vor knapp 10 Jahren war ich vor allem in alpinem Gelände, am Felsen, oder auf den Tourenski unterwegs. Dort stellte ich mir immer vor, eines Tages mit dem Gleitschirm vom Gipfel ins Tal fliegen zu können.

Der erste Schritt zur Erfüllung dieses Traums machte ich, als ich 2016 die Ausbildung begann. Schon bald war meine Leidenschaft entfacht und der Gleitschirm nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Als ich nun wusste, was es braucht, um auf dem Gipfel zu starten und ins Tal zu gleiten, versuchte ich dies gleich bei einer alpinen Hochtour vom Doldenhorn (3638 müM)- es war ein unbeschreibliches Gefühl. Da ich die Top Piloten aus der Region verfolgte, kam ich früh in Kontakt mit dem Redbull X-Alps, das wohl grösste und härteste Gleitschirmrennen der Welt.

Ziel dieses Rennens ist es, von Salzburg über den Alpenkamm bis nach Monaco zu gelangen und dies nur mit dem Gleitschirm oder zu Fuss. Zu sehen, was mit einem Stück Stoff und ein paar Leinen alles möglich ist, ist einfach grossartig und fasziniert mich enorm.

Durch mein Talent und viele glückliche Zufälle, konnte ich schnell in der Wettkampfszene Fußfassen und grosse Fortschritte machen. Nach 6 Jahren fliegen darf ich dies heute meinen Beruf nennen. Ich absolviere jährlich rund 1000 Flüge und verbringe dabei ca. 500Stunden in der Luft. Auf diese Vielzahl an Flügen komme ich natürlich nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter aber dazu unten mehr.

Was es zum Fliegen braucht:

Im Grunde braucht es zum Gleitschirmfliegen nur einen Startplatz der steil genug ist, um abzuheben, leichter Aufwind, der den Hang hinaufkommt und gute Sichtverhältnisse. Das sind die minimalen Anforderungen, damit wir mit dem Gleitschirm starten können. Wenn diese Verhältnisse gegeben sind, ist ein Flug im Sommer wie auch im Winter möglich.

Im Winter sind die Bedingungen mit dem Schnee und der Kälte natürlich etwas anspruchsvoller. Da die Erdoberfläche meist mit Schnee bedeckt ist, kann kaum Thermik, d.h. warme aufsteigende Luft, entstehen. Weniger Thermik bedeutet für uns Piloten auch eine kürzere Flugzeit. Der Winter bietet uns Gleitschirmpiloten aber auch Vorteile.Viele Skilifte sind offen, diese können uns leicht an die Startplätze transportieren. Wir können aber auch mit den Ski fliegen und uns so am Abend die zähe Abfahrt ins Tal ganz einfach machen.

Mit sogenannten Miniwings oder Speedflyern, das sind kleine spezielle Gleitschirme, kann man tief über den Schnee fliegen oder sogar mit den Skiern fahren, während dem man eigentlich fliegt. Sobald im Frühling ab ca. Februar / März die Sonne kräftiger wird und der Schnee in den Wäldern langsam schmilzt, versuchen wir immer jeden noch so kleinen thermischen Aufwind zu nutzen und so lange wie möglich in der Luft zu bleiben.

Kalte Hände gehören dazu. Gefühlt ist es für uns immer viel kälter - Windchill.

Ich starte im Frühling auf 1000m.Ü.M bei 5°. So habe ich in der Luftbei 30km/h Geschwindigkeit das Gefühl, die Temperatur liege bei 0°. Dieses Phänomen nennt man Windchill. Es beschreibt den Unterschied zwischen der gemessenen Lufttemperatur und der gefühlten Temperatur in Abhängigkeit von der Windgeschwindigkeit.

Steige ich nun mit guter Thermik an einem guten Flugtag auf 3000m.Ü.M, was bei uns in den Alpen keine Seltenheit ist, so habe ich dort durch den Höhenunterschied theoretisch -15°. Mit dem Windchill Faktor fühlt sich die Temperatur jedoch nach -26°an. Das heisst für mich, dass ich bei langen und hohen Flügen auch immer berechnen muss, wie die Temperatur hoch oben sein wird.

Im Winter zu fliegen, ist also trotz einigen Herausforderungen möglich und kann ebenfalls zu unvergesslichen Erlebnissen führen.