08.12.21

Klimaerwärmung - Die wirklich großen Veränderungen im Alpinismus

Omnipräsent und doch surreal ist sie, die Klimaerwärmung im täglichen Leben. Jährlich erwärmt sich unser Planet weiter und doch merken wir es kaum. Wir hören vom Gletscherrückgang und der Aufweichung der Permafrostböden.

Es tangiert uns nicht wirklich, oder doch?

Ich gehe nun seit 40 Jahren bergsteigen, als Kind mit meinem Vater, als Jugendlicher mit Freunden, später als Bergführer und professioneller Alpinist. Im Laufe der Jahre hat sich viel verändert in den Bergen. Dort wo wir einst Eiskurse gegeben haben befinden sich riesige Schutthalden. Wege, wie zum Beispiel über die Pasterze auf den Großglockner, sind aufgrund der Ausaperung des Gletschers nicht mehr begehbar und sogar Schiabfahrten nicht mehr möglich. Die Gletscher im Alpenraum verschwinden mehr und mehr.

Im Jahr 1991 bin ich mit einem Freund den Bonattipfeiler an der Dru geklettert. Einige Jahre später fällt er einfach so runter… vermutlicher Grund? Aufweichung der Permafrostböden und folgende Instabilität eines riesigen Felsmassivs.

Im November 1995 ging ich mit Schiern über den Torregletscher in Patagonien zum Einstieg der Kompressorroute am Cerro Torre, einfach, unbeschwerlich, schnell. 2012 kam ich zurück und der Gletscher war nicht wieder zu erkennen. Es fehlten immense Eismassen. An ein gehen mit Schiern war nicht zu denken, denn der Gletscher war blank, zerklüftet und der Weg mühsam. Kaum zu glauben, dass hier zur gleichen Jahreszeit, 17 Jahre zuvor eine geschlossene Schneedecke über dem Eis gelegen war.



Ganz dramatisch stellte sich die Erderwärmung heuer im Karakorum dar. Ich war mit Gerlinde Kaltenbrunner im Juli und August unter der Shining Wall am Gasherbrum 4. Aufgrund der hohen Temperaturen herrschte massiver Stein- und Eisschlag, welcher nicht einmal in der Nacht aufhörte. Einzusteigen wäre viel zu gefährlich gewesen. Selbst der NW Grat war unter diesen Umständen nicht möglich. Morgens um 8 Uhr rannen auf über 7000 Metern höhe, Bäche aus der Wand und Felsen groß wie Autos stürzten über uns hinweg. 

Die Temperaturen im Zelt waren unerträglich hoch. Wir bedeckten das Zelt mit Daunenjacken und Schlafsäcken und trotzdem hielten wir die enorme Hitze nicht aus. An den Schlechtwettertagen herrscht im Basislager auf über 4000 Metern erfahrungsgemäß Schneefall, bei uns regnete es unaufhörlich.

Uns wurde schnell klar, wir waren zur falschen Zeit am falschen (eigentlich richtigen) Ort. Im Sommer sind kombinierte Touren in großen Wänden im Karakorum nicht mehr, oder nur mit extrem hoher Risikobereitschaft möglich. Fazit, wir kommen im Spätherbst wieder.


An einem Rasttag besuchten wir Freunde im K2 Baislager, wo ich bereits 2019 gewesen bin. Ich traute meinen Augen nicht, der Gletscher und die Moränen waren nicht wieder zu erkennen, alles war anders, der Goowin-Austen-Gletscher hat in den 2 Jahren mindestens 50 Meter an Mächtigkeit verloren, kein Stein lag mehr auf dem anderen.

Am einzigen Gipfeltag im Sommer 2021 am K2 lagen die Temperaturen bei sage und schreibe -6 Grad Celsius um 6 Uhr morgens. Vor 15 Jahren noch sah man Temperaturen von unter -20 Grad als außergewöhnlich warm an.

Die Richtung scheint offensichtlich völlig klar; die Gletscher apern aus, die Eiswände sind außer im Winter nicht einmal auf den hohen Bergen mehr möglich, erhöhtes Steinschlagrisiko durch die Ausaperung, große Bergstürze durch das Aufweichen des Permafrosts, etc.

Wir Bergsteiger können und müssen uns anpassen indem wir andere Routen bzw. andere Jahreszeiten wählen.

Die Erderwärmung wird lt. Wissenschaft nicht mehr zu stoppen sein und kann nur mit größter Anstrengung verzögert werden. Der Großteil der Menschheit will sich jedoch leider nicht anstrengen.

- Max Berger